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Schmerzfreie Zahnbehandlung – minimalinvasive Techniken

Interview mit Dr. Marc Oliver Harm, MSc

Was bedeutet moderne Zahnmedizin wirklich?

Die Zahnmedizin hat in den letzten 10–20 Jahren eine unglaublich rasante Entwicklung vollzogen, die die Erfahrungen und Erkenntnisse der vorausgegangenen 100 Jahre gründlich durcheinanderbrachte.

Welche Entwicklungen haben Sie besonders beeindruckt?

In der modernen Zahnerhaltung steht die absolute Schonung der gesunden Gewebeanteile im Vordergrund. Sogenannte minimalinvasive Techniken erlauben es uns, bei der Therapie von Karies oder Parodontitis ausschliesslich erkrankte Strukturen zu behandeln, ohne benachbarte Gewebe zu schädigen oder gar entfernen zu müssen.

Welche konkreten Vorteile ergeben sich dabei für die Patienten?

Eine Erkrankung der Zähne, der Zahnwurzel oder umliegender Strukturen ist schon schlimm genug, aber eine inadäquate Behandlung kann dazu beitragen, den tatsächlichen Schaden noch zu vergrössern. Am Beispiel einer kleinen Karies lässt sich das Prinzip gut verdeutlichen. Eine veraltete Füllungstechnik bzw. die falsche Materialwahl führt zu einem vermeidbaren grossen Substanzverlust am eigentlich sonst gesunden Zahn. Muss diese Füllung dann nach einigen Jahren ersetzt werden, wird die nächste Füllung bald so gross sein, dass eine Krone notwendig wird. So entsteht aus einer kleinen, eher harmlosen Karies innerhalb einiger Jahre ein Totalschaden für den Zahn. Für die Krone müssen ca. 70 % der Zahnsubstanz weggeschliffen werden, um Ersatzmaterialien wie Gold oder Keramik Platz zu machen. Probleme im Bereich des Zahnfleisches bzw. Wurzelkanalbehandlungen sind vorprogrammiert. Am Ende steht oft der vorzeitige Zahnverlust.

Wie geht es dann weiter mit der Zahnlücke?

Spätestens jetzt sollte sich der Patient überlegen, wie er sich die Zukunft seiner Zähne vorstellt. Denn mit dem verständlichen Wunsch, die Zahnlücke zu schliessen, beginnt oft ein neues Kapitel therapeutischer Kollateralschäden mit ungewissem Ausgang für die Zahngesundheit.

Haben Sie wieder ein konkretes Beispiel?

Grundsätzlich ist der verantwortliche Umgang mit dem Patienten und seiner Gesundheit selbstverständlicher Bestandteil des ärztlichen und zahnärztlichen Berufsethos. „Primum nihil nocere“ lautet auf Lateinisch der Grundsatz, den die hippokratische Tradition ins Zentrum ihres Begriffs des moralisch geforderten ärztlichen Handelns stellt. Das bedeutet so viel wie: „zuerst einmal nicht schaden“. In der Praxis wird das allerdings sehr unterschiedlich interpretiert. Für unser Beispiel mit der Zahnlücke galt die konventionelle Brückenversorgung mit dem massiven Beschleifen gesunder Nachbarzähne jahrzehntelang als anerkannter Standard, heute ist für dieses Vorgehen eher der Begriff der Körperverletzung angemessen. Man erinnere sich, es ging mit einer kleinen Karies in der Jugend los und Jahre später hat man ein massiv vorgeschädigtes Gebiss.

Also ist das Prinzip „Weniger ist manchmal mehr“ auch in der Zahnmedizin ein hilfreicher Leitspruch?

Wenn es sich um das Beschleifen von gesunden Zähnen handelt, auf jeden Fall. Man sollte seine Energie lieber in die Vermeidung und Vorbeugung von Zahnschäden investieren und dem Prophylaxe-Gedanken mit regelmässiger Zahnreinigung den Vortritt lassen.